Thomas Placzek

Nachts ist es kälter als draußen
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Good night, sleep well in your Bettgestell - oder warum die Niederländer so ausgezeichnet Englisch sprechen.

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Anfang der 1970er Jahre strahlte das ZDF einige Folgen der Serie "Die 2" (Originaltitel: The Persuaders!) aus, mit Roger Moore und Tony Curtis in den Hauptrollen. Der Inhalt dieser Serie war so banal, dass sie in den USA völlig floppte. In Deutschland erreichte sie Kultstatus (siehe auch hier), einzig und allein wegen der witzigen Synchronisation in sogenanntem Schnodderdeutsch. Ich war damals Teenager und habe mich bei jeder Folge weggeschmissen vor Lachen (meine Oma ebenso) und wir durften nicht zu laut lachen, weil wir sonst den nächsten Gag verpasst hätten. Und damit wären wir beim Thema, der Synchronisation von Filmen, englisch "dubbing" genannt. 

Hier in den Niederlanden, wo ich zur Zeit den größten Teil meiner Zeit verbringe, werden ausländische Filme und Serien weder im Fernsehen noch im Kino synchronisiert. Okay, das Niederländische ist bei knapp 17 Mio Einwohnern auch bevölkerungstechnisch nicht so verbreitet wie Deutsch. Ich will auch keine Bildungsabsicht unterstellen, aber Filme werden im Original gezeigt und mit Untertiteln versehen. Jeder Niederländer erkennt die Stimmen der Originalschaupieler und nicht wie wir, die Stimmen der Synchronsprecher. Dadurch, dass man hier alles im Original hört, kann gefühlt jeder zweite Niederländer das Alltagsenglisch bzw. -amerikanisch besser verstehen als z.B. ich, der ich 25 Jahre vorwiegend auf Englisch gearbeitet habe. So weit habe ich kein Problem damit. 

Ich habe allerdings damit ein Problem, dass das deutsche Fernsehen, ARD und ZDF allen voraus, alles synchronisiert. Mit Vorliebe Nachrichten, in denen die Sender, spricht ein ausländische/r Politiker/in, zuerst ein paar Worte des Originaltons hören lassen und dann in voller Lautstärke eine/n Synchronsprecher/in darüberquatschen lassen. Das führt dann zwar dazu, dass man vom amerikanischen Trumpel zwar die fön-debile Visage sieht, aber dazu einen völlig normal klingenden deutschen Nachrichtensprecher hört. 

Sollte das also jemand von ARD oder ZDF lesen: Lasst uns den Spass, und ermöglicht es uns, allen wichtigen und unwichtigen Personen des öffentlichen Lebens im Originalton zuzuhören und blendet die Übersetzung dessen, was sie zu sagen haben in Untertiteln (Lesbar! Zum Bleistift mit kontrastreichem Hintergrund) ein. Ihr tut etwas für die politische Bildung, für sprachliche Authentizität und für das Verständnis der Kulturen. Gegen das Synchronisieren von (Unterhaltungs)sendungen und Filmen habe ich erst einmal nichts. Wie das wirklich vernünftig geht (i.e. Sprache der Synchronisation und Sprache der Untertitel frei wählbar) zeigen euch gerade Netflix und andere. Ich bin vom öffentlichen Rundfunk mehr überzeugt denn je, also tut etwas dafür, dass andere das auch sind bzw. bleiben. 

PS: Das Bild habe ich dem Wikipediaartikel https://de.wikipedia.org/wiki/Die_2_(Krimiserie) entnommen, dort steht als Urheber: "Karlheinz Brunnemann Synchron KG - aus Vorspann vektorisiert".

Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten

messengersErinnert sich noch jemand an die Krypto-Technik, die bis 1996 unter der maximalen Schlüssellänge von 40 Bit zu leiden hatte? Bis Ende 1996 verbot das amerikanische "... Gesetz International Traffic and Arms Regulation (ITAR) den Export von Munition, wozu auch militärisch verwendbare Verschlüsselungstechnik zählte ..." [ aus diesem Artikel zitiert]. Die Folge war, daß Software aus den USA nur mit maximal auf 40 Bit langen Schlüsseln basierender Verschlüsselungstechnik ausgeführt werden durfte. IT-Steinzeit? Von wegen: laut diverser Presseartikel (z.B. im Spiegel oder bei Heise) plant unser Innenminister Seehofer ein Gesetz, das Unternehmen wie z.B. Threema, Wire, WhatsApp (wer hätte gedacht, dass ich jemals für WhatsApp sprechen würde) zwingen würde, auf richterliche Anordnung die dort getätigten Unterhaltungen entschlüsselt an Ermittlungsbehörden weiterzuleiten. Ist denn der Mann von allen guten Geistern verlassen?

Meine Oma würde jetzt den in der Überschrift genannten Spruch raushauen. Bislang habe ich derlei Argumentation immer mit der Frage gekontert, warum man denn die Fenster im Badezimmer nicht klar und einsehbar gestalte, wo man doch sicher nichts zu verbergen habe, auf jeden Fall keine kriminellen Tätigkeiten.

Ja, aber man habe ja immer noch die Notwendigkeit einer richterlichen Anordnung als Garant, heisst es dann oft. Selbst wer dieser Sicherheit jetzt noch vertraut - wie sieht das in ein paar Jahren aus, wenn die neue Rechte auch in Deutschland mehr Einfluss haben sollte? Dass das nicht undenkbar ist, hat man in Österreich gesehen. Wo wäre dann der so oft gepriesene Rechtsstaat? Wie schnell haben sich Länder wie Erdogans Türkei, Trumps USA, das Polen der PiS oder Orbáns Ungarn, Italien, Österreich - um nicht alle zu nennen - teils mehr, teils weniger von den Prinzipien eines Rechtsstaates entfernt? Glaubt denn irgendjemand noch, dass unsere jetzigen Prinzipien in 20 Jahren noch garantiert sind? Ich nicht. Dass Seehofer schnell mit den illiberalen Idioten zusammenrückt, hat man gesehen. Ich wage nicht zu hoffen, dass sich Deutschland empört aber vielleicht, dass die Leitungen der grossen und kleinen Krypto-Firmen genügend 'cojones' haben, um das mit entsprechender Lobby-Arbeit zu verhindern.

Und - schickt Seehofer in Rente, ehe er noch mehr Unfug anrichtet.

[Update 20.6.2019: Sie kapieren es einfach nicht. Warum? Lest diesen Artikel aus der Zeit (https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-06/datensicherheit-bundesinnenministerium-verschluesselung-gefahr). Besser kann man es nicht formulieren. Entweder Seehofer und seine Crew sind in der Tat völlig inkompetent, oder sie geben einen Scheiss auf Verschlüsselung. In beiden Fällen sollte man sich sehr genau überlegenen, wem man bei der nächsten Wahl seine Stimme gibt.]

Sommer 2006


Heute noch aktueller als noch vor drei Jahren: ein Gastbeitrag.

Gedankenfragmente

Ich bin kein Politiker und ich fürchte, mit 60+ bin ich auch zu alt dafür, einer zu werden. Lust dazu hätte ich schon.

Ich bin altmodisch. Gross geworden in einer Familie überzeugter SPD-Wähler. Meine Eltern sind 1959/1960 als Intellektuelle des frühen Widerstands aus der DDR geflohen (zugegeben, sehr unspektakulär: vor dem Mauerbau war das mit der Strassenbahn zu machen). Altmodisch, weil ich am Ende der 68er gerade mal 11 - 12 Jahre alt war. Aber entscheidend von einer Generation geprägt, in der der Glauben an eine freie Demokratie nicht zu erschüttern war.

Ich habe studiert im Berlin der 70er Jahre, bin in das erzkonservative Bayern ausgewandert und habe es lieben gelernt. Dank meiner guten Ausbildung und einer Bereitschaft mich meistbietend zu verkaufen (ich war europäischer Beamter) habe ich finanziell praktisch nie Sorgen gehabt. Ich habe Deutschland vor ca. 10 Jahren wegen meiner Arbeit verlassen und wohne überwiegend in den Niederlanden. Ich habe 25 Jahre meines 35-Jährigen Erwerbslebens in einer internationalen Umgebung gearbeitet. Ich geniesse es, mich zwischen Deutschland, den Niederlanden und Spanien so frei zu bewegen als wäre es innerhalb meiner eigenen Wohnung. Mit den Händen in den Hosentaschen.

Ich kenne Krieg, Währungsreform, Not und Hunger nur aus den Erzählungen der Generation meiner Eltern und aus Geschichtsbüchern. Den totalitären DDR Staat jedoch aus eigener Erfahrung als Westbesucher. Ich bin bequem und mäßig politisch interessiert.

Warum schreibe ich das? Weil mir die Neo-Populisten à la Trump, Putin, Erdogan und Orbán auf den Senkel gehen. Und warum gehen sie mir auf den Senkel? Weil die Generation, die meiner nachfolgt, kein politisches und demokratisches Rückgrat mehr hat, oder wenn man so sagen will, keine Eier. Nicht nur, dass dieselbigen eben fehlen, aber es fehlt auch das Bewusstsein warum es wichtig ist, welche zu haben. Um eben diese Typen zu verhindern. Und die nächste Welle der machtgeilen Politiker ist unterwegs: Seehofer, Kurz und wie sie alle heissen - nur um den Namen des italienischen Fuzzis nicht herauskamen zu müssen - stehen in den Startlöchern (https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-06/populismus-europa-sebastian-kurz-horst-seehofer-viktor-orban-nationalkonservative-achse). Aber das ist jedem egal, weil das Verfolgen der Nachrichten in den öffentlich-rechtlichen Medien ja uncool ist (trotz diverser Enthüllungen des Rechercheverbunds NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung). Und erst recht jeden Tag um 20:00. Serien auf Netflix sind doch viel besser. Da muss man nicht erst warten, bis die Nachrichten um 20:15 zu Ende sind.

Jeder schimpft auf Europa und will lieber sein eigenes Süppchen kochen, abgewandt in der heimischen Küche. Dabei brauchen wir nicht weniger Europa, sonder mehr. Eine gemeinsame Identität, eine gemeinsame Wirtschaft- und Finanzpolitik und eine gemeinsame Verteidigung. Jawohl, auch Verteidigung. Damit wir die Milliarden, die wir in die Rüstung stecken, zumindest koordiniert einsetzen und uns nicht mit Gewehren blamieren, die um die Ecke schiessen (Mit einer gemeinsamen europäischen Telekommunikationspolitik hat es doch auch geklappt, Internet geht jetzt auch ohne Roaming.) Den Rest, Bildung, Polizei, Steuern erledigen wir gemäß dem föderalistischen Prinzip, das in Deutschland, Österreich der Schweiz und vielen anderen Ländern jahrzehntelang gut funktioniert hat (und trotzdem verbessert werden kann). Unter der Bedingung, dass wir in den Vereinigten Staaten von Europa leben, könnten Schottland, Katalonien, Bayern, das Baskenland, Südtirol und wie sie alle heissen, ihre regionale Autonomie haben. Warum nicht?

Aber dazu müssen unsere verweichlichten, politisch uninteressierten, ignoranten und frustrierten Kinder und Enkelkinder endlich in die Pötte kommen, etwas für ihre politische Bildung tun und verdammt noch mal zu jeder Wahl gehen, bei der sie wahlberechtigt sind. Schaltet das Hirn ein, gebraucht den gesunden Menschenverstand und zeigt etwas von der politischen Ethik eurer Großeltern!

Lasst Euch nicht von den Trumpeln dieser Welt weismachen, dass die Erde eine Scheibe und die Klimakatastrophe eine Verschwörung sei, oder dass es beim Dieselskandal um gefälschte Markenjeans ginge.

Ein Wagen von der Linie 11

IMG_9186Demokratie lebt und gegen die drohende schwache Wahlbeteiligung hat man sich hier einiges einfallen lassen. Wahllokale gibt es in Sozialstationen, in Sporthallen, Schulen, Gemeindezentren aber auch Buchhandlungen und Supermärkten. In meinen Augen die originellste Realisierung eines Wahllokals ist die Unterbringung in der Strassenbahn. Die hiesige Tramlinie 11 hat einen Wagen, in dem man seine Stimme zur Gemeinderatswahl abgeben kann. Ein Wagen von der Linie 11 fährt zwischen dem Strand in Scheveningen und der Innenstadt hin und her, das Mitfahren kostet nichts. Leute, geht wählen! Übrigens, als gemeldeter Anwohner dürfen auch wir Expats mitwählen. Das Lied vom Ferdl Weiß, "Ein Wagen von der Linie 8" findet man auf Youtube unter https://youtu.be/zRG9-Os55FI

15 Jahre nach 9/11, droht am 9.11. die Welt unter zu gehen

IMG_4181 (1)Heute wurden die Wahlergebnisse der US-Präsidentenwahl bekannt gegeben. Mir geht die Verszeile von Don McLeans American Pie nicht mehr aus dem Kopf, welches man zu Obamas Amtseinführung gespielt hat: The day the music died.

A long long time ago
I can still remember how
That music used to make me smile
And I knew if I had my chance
That I could make those people dance
And maybe they'd be happy for a while

But February made me shiver
With every paper I'd deliver
Bad news on the doorstep
I couldn't take one more step

I can't remember if I cried
When I read about his widowed bride
Something touched me deep inside
The day the music died
So

Bye, bye Miss American Pie

Man sollte es auch bei seinem Abschied spielen und ggf. noch eine neue Strophe dazu dichten.

Nur ein trauriger Gedankengang von meinem Sohn

Wie gerne denke ich an das Jahr 2006 zurück. Das war das Jahr in dem Deutschland die WM ausrichtete. Die ganze Welt schaute auf uns und rieb sich verwundert die Augen. Waren das dort wirklich die Deutschen? Und am meisten war ich selbst überrascht. Von Deutschland. Von seinen Bürgern.

Erinnern wir uns an das Jahr 2006 und die weltoffene, fröhliche Stimmung der WM. Selbst jemand wie ich, von Natur aus eher skeptisch ob das geschehene Unrecht der jüngeren Geschichte jemals verziehen werden kann, war geneigt in diesem Jahr ein Volk zu sehen, dass sich endgültig von dem braunen Mief des vergangenen Jahrhunderts befreit hat. Nie hätte ich zu glauben gewagt was ich jetzt sage, respektive schreibe. Das erste Mal war ich Stolz auf mein Land. Ja, ohne jegliche nationalistische Gesinnung im Hinterkopf zu fürchten konnte ich sagen, ich war stolz Deutscher zu sein. Stolz darauf, welche Nachricht mein Land, meine Landsleute mit Deutschland-Fahnen, Blumenketten in Schwarz-Rot-Gold, T-Shirts und allerlei Kommerz ins Ausland zu verbreiten in der Lage war. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut wenn ich daran danke. Die Gedanken an die jüngere Geschichte Deutschlands waren nicht mehr schwarz-weiss wie in Geschichtsbüchern. Sie sind plötzlich bunt.

Und dann kam Tröglitz. Und dann Freital. Dann Haidenau. Und weitere folgten. Die Ereignisse sind mehr als verstörend. Der braune Mief zieht wieder über das Land, bin ich geneigt zu denken. Die Bilder werden wieder schwarz-weiss. Und ich werde traurig und kann nicht mehr stolz sein. Es macht mich wütend und unruhig zu gleich.

Wie kann es sein, dass wir uns in unserem Wohlstand suhlen und denjenigen, die Hilfe benötigen ins Gesicht lachen? Pegida, Mügida und wie sie alle heissen waren schon schwer verdauliche Initiativen. Aber das ist das eine. Häuser anzuzünden um zu verhindern, dass dort Menschen in Not einziehen, sich vor Flüchtlingsheimen zu versammeln um Hilfesuchenden Angst zu machen und sich dabei als besorgter Deutscher darzustellen ist mir so etwas von unverständlich, dass da wieder der Gedankengang ist, den ich zu vergessen gehofft hatte: Ich schäme mich Deutscher zu sein. Armes Deutschland. Das hast Du nicht verdient. Die skandierenden Idioten, die Brandstiftung, Hass und unbändigen Egoismus zu verantworten haben, zerstören alles, was Du mit der Mehrzahl Deiner Einwohner, spätestens seit der WM 2006, versucht hast wieder aufzubauen.

Deswegen hier mein Dank an jeden einzelnen Menschen in Deutschland, der sich offen gegen die Fremdenfeindlichkeit stellt. Im Moment bist Du mein Held! Oder um einen bekannten Werbesatz zu bemühen: nicht die Verbreiter des braunen Miefs zum Glück, sondern “Du bist Deutschland“! Danke.